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Auf dem Weg zur Selbstbestimmung der Frauen in Mali

Frau-Sein in Mali ist noch immer weitgehend geprägt von traditionellen und religiösen Grundsätzen. Die Frau wird als Mutter und Hausfrau, als sexuelle Partnerin und Besitz des Mannes angesehen. Sie muss uneingeschränkt zu seiner Verfügung stehen, er darf sie bestrafen, wie es ihm beliebt.

Erst Ende der 90er-Jahre mit der Gründung des Ministeriums zur Förderung der Frau, des Kindes und der Familie haben die Stärkung der Frau sowie das geschlechtsspezifische Bewusstsein gewisse Fortschritte gemacht. Und es hat nochmals zehn Jahre gedauert, bis eine nationale Gender-Politik verabschiedet wurde, welche eine bessere Berücksichtigung von Fragen der Geschlechtergleichstellung und der Förderung der Frau in staatlichen Programmen mit sich brachte. Seit 2015 ist ein Gesetz in Kraft, welches eine stärkere Vertretung von Frauen in öffentlichen Ämtern vorsieht.

Und in der Realität?

Trotz dieser Anstrengungen stossen Frauen nach wie vor auf zahlreiche sozio-kulturelle Hindernisse, die sich gravierend auf den Status der Frau in der Familie und der Gesellschaft auswirken. Sie verhindern, dass Frauen eigenständig Entscheidungen treffen und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Traditionelle und religiöse Praktiken, wie Beschneidungen, Früh- oder Zwangsheiraten oder andere erniedrigende Praktiken, welche der Frau das Recht auf körperliche Integrität verwehren, stellen in der täglichen Praxis noch immer den Referenzrahmen für die Beziehung zwischen Mann und Frau dar. Und dies, obwohl Malis Verfassung zahlreiche juristische internationale und nationale Instrumente ratifiziert hat, das Recht auf physische Unversehrtheit anerkennt sowie Folter, Misshandlung und Erniedrigung verbietet.

Beispiel Mädchenbeschneidung: Diese ist nach wie vor gesetzlich nicht verboten, deshalb wird diese Praxis auch heute noch in hohem Masse durchgeführt: Etwa 91% der Frauen in den südlichen Regionen Malis sind beschnitten, 77% davon vor ihrem fünften Lebensjahr. Obwohl bereits vor mehreren Jahren der Nationalversammlung ein Gesetzesvorschlag zum Verbot weiblicher Beschneidung zur Abstimmung vorgelegt wurde, ist bis heute kein Konsens gefunden. Viele Parlamentsmitglieder scheuen sich vor der Zustimmung aus Angst, Wähler zu verlieren.

In Abwesenheit staatlichen Handelns setzen sich viele lokale Organisationen gegen die Genitalverstümmelung ein: Vertragliche Vereinbarungen zur Abschaffung der Beschneidungspraktiken werden direkt und im Kollektiv mit ganzen Dörfern getroffen, heute haben rund 1‘800 Dörfer diese Praxis freiwillig aufgegeben.

Die Rechte von Dienstmädchen im Mittelpunkt

Ob Beschneidung, Frühheirat oder andere erniedrigende Behandlungen - sich für die Rechte von Frauen und zum Wohle der Familie einzusetzen, hat bei unserer malischen Partnerorganisation APSEF absolute Priorität. Seit über zehn Jahren engagieren sie sich für das Empowerment von Frauen. Neben ihrem Engagement gegen die Mädchenbeschneidung setzt sie sich insbesondere für Dienstmädchen ein. Fast jede Familie in den grösseren Städten Malis beschäftigt eine Haushaltshilfe. Oft werden diese ausgebeutet, geschlagen, beschimpft und gedemütigt. Sexuelle Übergriffe sind nicht selten. APSEF konzentriert sich in ihrem Projekt auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie auf die Aufklärung ihrer Rechte, zum Beispiel:

  • Festlegung eines Lohnes und dessen regelmässige Auszahlung
  • Freier Arbeitstag pro Woche, Unterkunft, korrekte Behandlung sowie genügend Essen  
  • Zugang zu medizinischer Behandlung
  • Schutz vor Gewalt und sexuellem Missbrauch

Zentrale Bedeutung hat ausserdem die gezielte Vernetzung mit anderen Akteuren, die sich für die Förderung der Rechte von jungen Mädchen einsetzen. Mit gemeinsamer Lobbyarbeit wird für die Annahme des internationalen Übereinkommens über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte (Übereinkommen Nr.189 der Internationalen Arbeitsorganisation ILO) gekämpft.

Ein ermutigender Erfolg dieser Zusammenarbeit kann bereits verzeichnet werden: Um der Verteidigung ihrer Rechte mehr Gewicht und Sichtbarkeit zu geben, haben sich die Dienstmädchen organisiert und zum ersten Mal am 1. Mai-Umzug teilgenommen.

Langer Atem nötig

Empowerment der Dienstmädchen erfolgt über Sensibilisierungsaktivitäten, Weiterbildungen, Alphabetisierungskursen und der Verbesserung ihrer ökonomischen Situation. Konkrete Resultate und Erfahrungen sind bereits vorhanden: 

  • 57 der seit 2016 neu betreuten Mädchen haben selbst ihren Lohn verhandelt
  • 7 Mädchen haben ein eigenes Bankkonto eröffnet
  • 50 Dienstmädchen erhalten einen arbeitsfreien Tag pro Woche
  • 60 Dienstmädchen schlossen einen Arbeitsvertrag ab. 

Greifbare Ergebnisse im Bereich der Selbstbestimmung von Frauen in Mali zu erreichen, erfordert einen langen Atem und ist nur in Zusammenarbeit von staatlichen und nicht-staatlichen Organisationen möglich.

Virginie Mounkoro, Direktorin APSEF

 

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